Mit den sich vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten zuspitzenden gesellschaftlichen Entwicklungen haben sich auch die analytischen Metaphern der Soziologie geändert: Statt von einem Fahrstuhl (Ulrich Beck), in dem es – bei bleibenden Ungleichheitsstrukturen – für alle aufwärts in die nächst höhere Etage geht, wird nun etwa das Bild von einem Paternoster (Andreas Reckwitz) bemüht, der für die einen nach oben und für andere nach unten führt; oder es ist gar von einer Rolltreppe (Oliver Nachtwey) die Rede, die insbesondere für die unteren sowie zunehmend auch mittleren Stockwerke der Gesellschaft nurmehr abwärts zu fahren scheint und der gegenanlaufen muss, wer seine Position bewahren will. Abstiegsgeschichten und die mit ihnen verbundenen Probleme der sozialen Gegenwart (wie prekäre Arbeitsverhältnisse, Mietwucher, Zukunftsunsicherheit) sind inzwischen auch in der Literatur angekommen. Im Seminar wollen wir danach fragen, inwieweit sich von einer Literatur der „Abstiegsgesellschaft“ (Nachtwey) sprechen lässt und mit welchen Reflexions- sowie Darstellungsformen sie einhergeht. Ehe wir uns mit intensiv einzelnen literarischen Texten (vor allem Erzähltexten) auseinandersetzen, beschäftigen wir uns einführend mit soziologischen Gegenwartsdiagnosen und methodischen Fragen der Gegenwartsliteraturwissenschaft. Gelesen werden u. a. Kristine Bilkaus Die Glücklichen (2015), Anke Stellings Schäfchen im Trockenen (2018), Robert Kischs Möbelhaus (2015), Thomas Melles 3000 Euro (2014), Ernst-Wilhelm Händlers Wenn wir sterben (2002), Heike Geißlers Saisonarbeit (2014)

Bitte beachten Sie: Der Kurs findet nach einer dreiwöchigen Eingangsphase (Mi 15.04., 22.04., 29.09., jeweils regulär von 16-18 Uhr, DOR 24, 3.134) als  Blockveranstaltung zu folgenden Terminen statt: Freitag, 10.07.  12-18 Uhr, Samstag, 11.07.20 10-18 Uhr, DOR 24, 3.134; Abschlusssitzung Mi 15.07. 16-18 Uhr, DOR 24, 3.134.

Die organisatorischen Einzelheiten, der Seminarplan sowie die Referatsthemen werden in der ersten Sitzung bekannt gegeben. Die Teilnahme am Kurs setzt die Bereitschaft zur umfangreichen Lektüre und regelmäßigen Mitarbeit voraus.

Zur vorbereitenden und einführenden Lektüre empfohlen: Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, S. 7-16.

Semester: SoSe 2020