Die VL erkundet die vielfältigen Korrespondenzen zwischen Literatur und wissenschaftlichem Wissen im 19. Jh. Dabei soll gezeigt werden, dass das Verhältnis der Literatur zum Wissen nicht bloß eines der nachträglichen Rezeption, sondern immer auch eines der Gleichzeitigkeit und wechelseitigen Bezugnahme ist. Folglich geht es um Fragestellungen und Schreibweisen, die sich sowohl in der Literatur als auch in den Wissenschaften finden, es geht um Hervorbringungen neuen Wissens mit literarischen Mitteln und um die erkenntnisstiftende Macht der Poesie. Für eine solche Wissensgeschichte der Literatur stehen die drei zusammengesetzten Leitvokabeln des Vorlesungstitels. Der Ausdruck "Naturform" kennzeichnet das v.a. von Johann Wolfgang Goethe entwickelte Konzept einer auf basalen Formtypen oder 'reinen Phänomenen' beruhenden Natur – und umgekehrt die Vorstellung, dass es auch 'Naturformen der Dichtung' gebe. Als "Tiefenzeit" lässt sich die radikale Erweiterung des Zeithorizonts charakterisieren, die im 19. Jh. in Geologie und Biologie diskutiert wird und zugleich eine Herausforderung für die temporale Gestaltung literarischer Texte darstellt, etwa bei Annette von Droste-Hülshoff, Adalbert Stifter und Wilhelm Raabe. "Welträtsel" schließlich (der Titel eines populärwissenschaftlichen Bestsellers von Ernst Haeckel aus dem Jahr 1899) steht für das noch Unerforschte – oder auch Unerforschliche – als Grenzbestimmung wissenschaftlichen und poetischen Wissens sowie für dessen Ausrichtung auf das als universal oder global zu verstehende Ganze der 'Welt'. – Die mit diesen drei Aspekten zu umreißende Literatur- und Wissensgeschichte wird in der Vorlesung einerseits historisch klar im 19. Jh. verortet, andererseits ist aber auch von Interesse, wie und warum wir uns heute mit der Denk- und Darstellbarkeit von Natur, Zeit und Welt befassen.

Semester: SoSe 2020