Die Großstadt ist in der Literatur Sinnbild der Moderne. Während sich der Begriff der Großstadtlyrik in Deutschland erst um die Jahrhundertwende entwickelte (geprägt von H. Möllers gleichnamiger Anthologie, die u.a. R. Dehmel, H. v. Hofmannsthal und D. v. Liliencron versammelt), ist sie doch bereits für die Literatur des Naturalismus eine relevante Größe (J. Schlaf, O. E. Hartleben). Am prägendsten ist die Großstadterfahrung vielleicht für den Expressionismus – in den Stadtgedichten von G. Heym, J. v. Hoddis, G. Benn, J. R. Becher, E. Stadler u.v.a. vereinen sich die zentralen Themen und Metaphernkomplexe dieser Strömung. Doch auch in der Weimarer Republik bleibt die Großstadt für Lyriker wie B. Brecht, E. Kästner, K. Tucholsky, W. Mehring oder M. Kaléko eine wichtige Bezugsgröße. Das SE will am Beispiel der Großstadtlyrik zwischen 1880 und 1932 Merkmale der verschiedenen Strömungen und Epochen herausarbeiten. Im Mittelpunkt des Seminars steht die Textanalyse. Angesichts der zunächst vielleicht überwältigend erscheinenden Heterogenität sollen die ausgewählten Texte jedoch auch in Hinblick auf wiederkehrende bzw. epochenübergreifende Merkmale der Großstadtlyrik und auf Zeitdiskurse untersucht werden. Seitenblicke gelten der europäischen Großstadtlyrik im frühen 20. Jahrhundert sowie dem Großstadtdiskurs in der zeitgenössischen deutschsprachigen Popmusik.

Semester: SoSe 2020