Die Ringvorlesung untersucht Behinderung aus einer interdisziplinärer Perspektive und wird Dis/Ability als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschungen problematisieren. Die Veranstaltung greift damit aktuelle Diskussionen auf, wie sie in den Disability Studies, den Kultur- und Medienwissenschaften wie auch in den Gender und Queer Studies oder der Rehabilitationswissenschaft geführt werden. Dort lässt sich erstens beobachten, dass die eindeutige Unterscheidung von Behinderung und Beeinträchtigung durch weitergreifende Argumente, wie das der „complex embodiment“ (Tobin Siebers) oder des „dis/ability complex“ (Dan Goodley) ergänzt wird. Komplexe Verkörperungen sind zweitens zunehmend durch digitale Assistenztechnologien und Mainstream-Devices gerahmt, die Menschen mit Behinderung in ihren Alltagspraktiken nutzen – oder auch selbst gestalten, wie es Hamraie und Fritsch mit dem Konzept der Crip Technoscience (2019) nahelegen. Drittens sind die problematischen Verhältnisse und ko-konstitutiven Beziehungen von körperlicher Variabilität und Technowissenschaften in intersektionale Hierarchisierungen eingebettet. Dies zeigt sich in wachsenden sozialen Ungleichheiten und Ausgrenzungen sowie den darauf reagierenden künstlerischen, aktivistischen und anderen politischen Interventionen. Letztere situieren sich zunehmend auch angesichts sich verschärfender gesellschaftlicher Kontroversen wie der Klimakrise und der Corona-Pandemie.

Die Vorlesung zielt darauf ab, die gegenwärtigen Prozesse und kreativen Politiken der vielfältigen Dis/Ability Cultures kritisch einzuordnen. Uns interessiert dabei, wie sich heterogene Wissensformen zwischen subjektiver Erfahrung, biomedizinischer Kategorisierung und bürokratisch-technologischer Rahmungen aufspannen. Wir fragen danach, wie solche Prozesse durch literarische und künstlerische Werke, durch Alltagspraktiken oder aktivistische Interventionen bearbeitet werden. Nicht zuletzt steht zur Diskussion, wie die Analyse dieser Problematiken ebenso die historische Dimension von Behinderung sowie deren transkulturelle Dimensionen zur Kenntnis nimmt und entsprechend einbeziehen kann.

Die Vorlesung findet 14-tägig statt. Im Wechsel werden wir in seminaristischen Sitzungen einführende Lektüren zu den Disability Studies und ihren interdisziplinären Ausprägungen diskutieren. Ein ausführlicher Reader wird zu Beginn des Semesters bekannt gegeben.

 

ENGLISH 

The lecture series examines disability from an interdisciplinary perspective and will problematize it as a subject of research challenging the taken-for-granted. The series thus takes up current discussions, as they are conducted in disability studies, cultural and media studies as well as in gender and queer studies or rehabilitation studies. There, it can be observed that the clear distinction between disability and impairment is decentered by arguments such as "complex embodiment" (Tobin Siebers) or the "dis/ability complex" (Dan Goodley). Complex embodiments are, second, increasingly framed by digital assistive technologies and mainstream devices that people with disabilities use in their everyday practices-or create themselves, as Hamraie and Fritsch suggest with their concept of crip technoscience (2019). Third, the problematic relations and co-constitutive relationships of bodily variability and technoscience are embedded in intersectional hierarchies. This is evident in growing social inequalities and exclusions and the artistic, activist, and other political interventions that respond to them. The latter are also increasingly situated in the face of intensifying and urgent social controversies such as the climate crisis and the Corona pandemic.

This lecture series aims to critically situate the current processes and creative politics of multiple Dis/Ability Cultures. We are interested in how heterogeneous forms of knowledge span between subjective experience, biomedical categorization, and bureaucratic technological framings. We question how such processes are processed through literary and artistic works, through everyday practices or activist interventions. We will discuss how the analysis of these problems can also take into account the historical dimension of disability as well as its transcultural dimensions.

The lecture series will take place fortnightly. In alternating seminar sessions, we will discuss introductory readings on Disability Studies and its interdisciplinary approaches. A detailed reader will be announced at the beginning of the semester.


Semester: SoSe 2022