Wer den Fehler im Titel der Lehrveranstaltung sieht oder sogar weiß, warum dort „Berthold“ steht und nicht „Bertolt“, ist mitten im Auftaktgespräch. Willkommen!
„Vom armen B.B.“ bis zu den „Buckower Elegien“ – Brecht, dessen Thema die Änderung der Welt war, hat sich in Gedichten kontinuierlich über sich selbst geäußert. Er gab darin weniger Befindlichkeiten als Selbstentwürfe preis. Später vermittelte er eine Chronik als Zeitzeuge in Stationen seines Exils, reagierte auf Glück, Zumutungen und Bedrohung. Er legte sich Rechenschaft über Erreichtes ab, prüfte und verglich sein Selbstbild mit den neuesten Erfahrungen. Er schrieb sich sogar Grabsprüche.
Das SE tastet sich durch Brechts gewaltiges lyrisches Werk anhand von Gedichten, deren erstes Wort „Ich“ lautet. Spricht der Autor von sich? Stimmen Autor-Ich und lyrisches Subjekt überein, wenigstens manchmal? Welche Vorbilder – aus der Antike, dem Barock und der Moderne – standen Pate. Inwiefern korrespondieren verschiedene „Ich-Gedichte“ miteinander? Wo zitiert Brecht sich selbst? Wie sorgt Brecht sich um sein Nachleben? Wir lesen Gedichte, wir vergleichen, wir erfahren Biographisches, vor allem aber befassen wir uns mit der Verwandlung von Erfahrungen in einen literarischen Text. Es geht um Bekenntnisse und Entäußerungen, Autobiographie und Selbststilisierung, Rollengedichte und Verfremdung.
Erwartete Arbeitsleistung: Für ein Testat wird die aktive Teilnahme erwartet und die (in der Regel mündliche) Interpretation von mindestens einem Gedicht.

Semester: WiSe 2021/22