Für Erich Auerbach beginnt die Geschichte der Mimesis und des von ihm als "abendländisch" bezeichneten Realismus nicht mit Platon und Aristoteles, sondern überraschenderweise mit dem Abschied von der Antike. Hatte sie – explizit im Lehrkontext der Rhetorik – die Vorstellung einer klaren Registertrennung zwischen hohem, mittleren und niederem Stil entlang einer Hierarchie der Dinge (res) und ihrer Namen (verba) entwickelt, so wird solche Staffelung der Gegenstände und Stilniveaus unter dem Einfluss christlicher Exegese und Theologie, für die alle Dinge und Zeichen gleich unmittelbar zu Gott stehen, zertrümmert. Das Ergebnis sind Stilmischung und Nivellierung der Extreme (etwa von "tragisch" und "komisch", von "satirisch" und "didaktisch", "darstellend" und "auslegend"). Jene Tendenzen werden in der Frühen Neuzeit dadurch weiter vorangetrieben, dass Versdichtung in Prosa aufgelöst und literarische Werke vom (unverwechselbaren) Manuskript in die (multiplizierbare und distribuierbare) Form des Drucks übertragen werden: Copia und Kopie, kompilatorische und katalogisierende Verfahren bestimmen die Produktion.

Das Seminar geht von der Annahme aus, dass derartige Transformationen sich nicht im Technischen erschöpfen, sondern Auswirkungen auf die Darstellung von Wirklichkeit haben. Sie prägen die Wirkungsabsichten bzw. Deutungsmöglichkeiten, kurz: die Weltauslegung durch Literatur. Im Mittelpunkt unserer Lektüren stehen Prosaromane, die dem impliziten Mimesis-Konzept im 16. Jhd. in unterschiedlichen Richtungen nachgehen: mit Blick auf Übersetzungen (Zschorn, Aithiopika; Vielfeldt, Sueton; Wickram, Ovids Metamorphosen), auf verarbeitete Wissens- und Erfahrungsbestände (Faust- und Wagnerbuch, Fortunatus), auf die Gattung des Pikaroromans (Lazarillo von Tormes, Alman, Der Landstörzer Gusman) sowie auf ein exemplarisches Autorœuvre (Wickram, Galmy, Der jungen Knaben Spiegel, Goldtfaden, Rollwagenbüchlein, Weltlich Losbuch). Die nicht unerheblichen Lektüreleistungen, die zur Erkundung unseres Interessenfeldes zu bewältigen sind, werden in der ersten Sitzung auf Arbeitsgruppen verteilt.


Semester: WiSe 2021/22