P. Strohschneider definiert das ‚Fragment‘ als „Bruchstück eines ursprünglich vollständigen Textes; allgemeiner ein Ausdruck für unabgeschlossene Texte überhaupt, also auch solche, die es nie anders denn in unvollständiger Form gab.“ Das hat Friedrich Schlegel im Athenäums-Fragment 24 prägnanter formuliert: „Viele Werke der Alten sind Fragmente geworden. Viele Werke der Neuern sind es gleich bei der Entstehung.“ Als F. Schlegel und Novalis an der Epochenschwelle um 1800 ihre „stacheligen“ Fragmente veröffentlichen, erfährt das Kleine eine fundamentale Aufwertung: Das Unvollendete wird zum Ideal; was bislang als Mangel oder Makel galt, zum Potential – das Unfertige, Ephemere oder Nebenprodukt zum kleinen (aber umso wahreren) Kunst-Werk.
Das Seminar versucht zunächst eine tentative Bestimmung des Fragmentbegriffs zu erarbeiten, die im Seminarverlauf erprobt und präzisiert werden soll. Dabei werden die epochalen Athenäums-Fragmente im Zentrum stehen. Nicht nur, weil bei der Analyse notwendig Schlüsselthemen der Frühromantik zur Sprache kommen, sondern auch, um die Fragmente als kleine große Kunstwerke und Wissenskeime zu lesen und mit dem Handwerkszeug der Rhetorik präzise beschreiben zu lernen. Aber auch die mediale Dimension des frühromantischen Fragmentprojekts soll – v.a. mit der Zeitschrift Athenäum (in ihrer originalen Gestalt) – Berücksichtigung finden. Gilt es zunächst, F. Schlegels und Novalis’ Fragmentpraxis und –‚poetik‘ sowohl in den Epochenkontext der Frühromantik als auch exemplarisch in die Ahnenreihe einzuordnen, auf die sie sich berufen, so soll in den abschließenden Sitzungen ein Ausblick auf die Rezeption unternommen werden, der – anhand ausgewählter Beispiele – die steile Karriere des Fragments im 19. Jahrhundert nachzeichnet, bis es schließlich im 20. als das „heile Teil der Moderne“ (Th. Kling) nobilitiert wird.
Für das Seminar ist zudem ein Semesterapparat auf Moodle eingerichtet, in dem Sie vor Semesterbeginn alle Seminarlektüren sowie ergänzendes Material finden.
Als Arbeitsleistungen können Sie Text- und Autorenpatenschaften übernehmen oder einem ‚Expert·inn·enteam‘ beitreten (wahlweise: Team Frühromantik, Team Fragment, Athenäum, Lyceum usf.), das zur Dokumentation und Ergebnissicherung beiträgt und am Semesterende einen kurzen resümierenden Bericht verfasst.

Semester: WiSe 2021/22