Die visuelle Poesie erprobt das Malen mit Worten auf dem Papier und macht sich dazu die Bildlichkeit der Schrift zunutze, überschreitet die Grenze der Literatur und erweitert mit ihrer Experimentierfreude zugleich die Möglichkeiten der bildenden Kunst. Nach frühen Anfängen in der Antike erlebt sie eine erste Hochzeit in den Figurengedichten des Barock, eine zweite in den künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts, deren Akteure sich bei ihren Kreationen unter anderem von der Plakatkunst zeitgenössischer Werbegraphiker inspirieren lassen. Dank der Gestaltungsspielräume der Typographie erhalten Worte und Sätze in der Figurendichtung einen Großauftritt. Gelegentlich dürfen sich auch Punkte, Kommata und Striche aus ihrer dienenden Funktion als stumme Satzzeichen emanzipieren, um ihr mimetisches Vermögen vorzuführen.
Das SE wird sich mit unterschiedlichen Varianten der Figurendichtung auseinandersetzen und dabei einerseits die rhetorikgeschichtlichen Prämissen barocker Kalligramme beleuchten, andererseits die künstlerischen und politischen Programme von modernen Vertretern des Symbolismus, Futurismus, Dadaismus und der Nonsensdichtung sowie der Konkreten Poesie diskutieren.

Das SE wird in einer Mischung aus synchronen und asynchronen Elementen durchgeführt. Vorgesehen sind wöchentliche Videokonferenzen.

Semester: SoSe 2021