Über viele Jahrzehnte – und zum Teil bis heute – haben Politik, Sozialwissenschaften sowie auch Literatur und Film das Leitbild einer Gesellschaft überkommener Klassengegensätze propagiert und als soziale Wirklichkeit ausgegeben. Der Klassenbegriff galt als verpönt. In dem Maße, in dem offenkundig wird, dass die Versprechen und vormaligen Selbstverständlichkeiten der ‚sozialen Moderne‘ ihre Gültigkeit verloren haben, ist seit einigen Jahren zunehmend eine ‚Rückkehr der Klassenfrage‘ in der gesellschaftlichen Debatte zu beobachten. Insbesondere im Zuge der hierzulande resonanzträchtigen Rezeption von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ hat diese nicht zuletzt auch die deutschsprachige Literatur erfasst. Darstellungsinteressen für soziale Herkunft, Prekarität, Geld und ganz allgemein Formen sozialer Ungleichheit sind in der jüngsten Gegenwartsliteratur ebenso offenkundig wie autofiktionales Schreiben, quasi-soziologische Wirklichkeitsdeutungen, Narrative der sogenannten ‚Klassenreise‘ oder der sozialarchäologische Blick zurück auf die verdeckte Klassengesellschaft des 20. Jahrhunderts. Diese Phänomene u. a. sollen im Seminar analysiert und diskutiert werden. Die Teilnahme am Kurs setzt interdisziplinäre Neugierde und Interessen, die Bereitschaft zur umfangreichen Lektüre und regelmäßigen Mitarbeit voraus. Gelesen werden u. a. Deniz Ohdes „Streulicht“, Christian Barons „Ein Mann seiner Klasse“ und die im März 2021 erscheinende literarische Anthologie „Klasse und Kampf“ (Claasen). Das endgültige Lektüreprogramm wird in Abstimmung mit den Teilnehmer*innen in der ersten Sitzung festgelegt. Anregungen und Vorschläge sind willkommen (bitte möglichst schon im Voraus per Mail einreichen).

Zur Einführung und ersten Orientierung empfohlen: Daniel Graf: Die Klassenfrage ist zurück in der Literatur. In: Republik (https://www.republik.ch/2020/10/14/die-soziale-frage-ist-zurueck-in-der-literatur); Matthias Ubl: Die groben Unterschiede. In: Jacobin (https://jacobin.de/artikel/literatur-christian-baron-leif-randt-sybille-berg/).

Dieses SE findet zum o.g. Termin regelmäßig als Videokonferenz statt, was asynchrone Selbststudienphasen nicht ausschließt.

Semester: SoSe 2021