Das Erzählen von Dorf und Provinz ist wieder populär. In den letzten beiden Jahrzehnten erschienen eine Vielzahl neuer „Dorfgeschichten“ oder Provinzromane, darunter etwa Juli Zehs Unterleuten oder Saša Stanišić Vor dem Fest, die im Ländlichen einen geeigneten Darstellungsraum zur Verhandlung grundlegender Fragen unserer Gegenwart finden. Im Seminar werden wir der Popularität von Dorf und Provinz in der Literatur der letzten 20 Jahre auf den Grund gehen und anhand ausgewählter Texte das literarische Phänomen der „Neuen Dorfgeschichte“ analysieren. Auf welche Probleme, Veränderungen und Transformationserfahrungen reagieren diese Texte? Auf welche Weise dient dabei der ländliche Raum als Beobachtungsmodell und Experimentalanordnung zum Analysieren, aber auch Neuentwerfen sozialer, wirtschaftlicher, kultureller usw. Gegebenheiten? Wie verändern sich populäre Vorstellungen von „Dörflichkeit“ und „Ländlichkeit“? Und behalten althergebrachte Beschreibungsmodelle wie die Stadt-Land-Dichotomie in der Gegenwart weiterhin ihre Gültigkeit? Bei der Beantwortung dieser Fragen werden wir uns auch insbesondere den Perspektiven und Erfahrungen traditionell marginalisierter Gruppen und Akteure widmen und Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die die Texte sichtbar machen, kritisch beleuchten.

Semester: SoSe 2021